Seattle, 23.10.2007

Ich bin statt wie geplant um 09:30 schon um 07:00 aufgewacht.

Ich vertreibe mir ein wenig die Zeit mit Klickern und Nachrichten schauen. Ich lerne die Staulängen und daß das Wetter vom Typ „dog tail wagging“ ist und die Temperaturen 59 oder 64 oder so Grad werden, hm, wieviel auch immer das in Celsius ist. Außerdem nehmen Männer 20 Pfund, Frauen nur 15 im ersten Jahr nach ihrer Heirat zu. Ein Space Shuttle startet erfolgreich. Redmond to Seattle 54 Minuten Fahrzeit. Bei San Diego brennt’s, mehr als eine halbe Million Menschen fliehen. Eine Frau ist nach der Geburt ihres zweiten Kindes von zu Hause weggelaufen und irrt durch Amerika, der Mann ist besorgt. Irgendeine Stadt irgendwo in Texas hat nicht mit dem Klimawechsel gerechnet und leider seit 45 Jahren keine Wasserreservoirs gebaut. Irgendeine Frau ist in einer Fernsehshow nach dem Tanzen wegen Luftmangels (und zu viel Abnehmen in den letzten Monaten) bewusstlos umgefallen. Die Werbung sagt mir, dass Kohle eine saubere Energieform ist, und Bakterien gefährlich sind und ich deshalb meine Familie schützen muß, indem ich irgendein Zeugs kaufe und versprühe. In Seattle wird nach einem Ort in Idaho und vor Portland am meisten Süßigkeiten verkauft. Eine Frau verliert ihre Reputation durch üble Nachrede im Internet und ein anderer Mensch hilft ihr, indem er für nur 10 Dollar eine Google-Suche durchführt, für weitere 30 Dollar Suchergebnisse korrigiert und so ihr Leben rettet. Die Moderatoren sind erleichtert. Wieder muß ich regelmäßig Desinfektionsspray benutzen. In nur 90 Tagen kann ich einen muskulösen Körper aufbauen, in 15 Minuten bei meiner Autoversicherung sparen, 40% meines Energieverbrauchs reduzieren indem ich einen neuen Kühlschrank kaufe, wieder muß ich Desinfektionsspray benutzen, zu meiner Sicherheit. Nun berichtet ein Rechtsanwalt, was man gegen Internetreputationsschädigung tun kann, das Publikum klatscht. usw. usf. Alles Nachrichten, die die Welt wirklich braucht. Welt? Welche Welt?

Im Hotel soll ich Wasser sparen, indem ich die Handtücher und Bettlaken nicht jeden Tag waschen lasse. Gute Idee, mache ich aber sowieso nicht. Eine mindestens ebenso gute Idee wäre, die Toiletten, die bei jeder Spülung 20 Liter Wasser durchziehen durch solche zu ersetzen, die man nach den fünf notwendigen Litern wieder anhalten könnte. Oder auf Styroporbecher in Plastikfolie für den Kaffee zu verzichten und statt dessen abwaschbare hinstellen. Das einzeln verpackte Zucker, Milchpulver, Süßstoff, Serviette und einen Plastikstrohhalm zum Umrühren muß auch nicht gemeinsam in weiterer Plastikfolie eingeschweißt sein. Insbesondere nicht, da ich nur das Milchpulver benutze, der Rest landet überflüssigerweise im Müll. Oder die Fenster durch isolierte ersetzen, dann müsste man nicht heizen. Ach so, eine Heizung gibt es nicht. Ich muß mir mal heute abend die Klimaanlage ansehen, wie ich’s wärmer im Raum hinbekomme.

Das Wasser ist schön warm und konstant, die Dusche ist geräumig, das ist schön. Das Wasser riecht ziemlich chlorig, wahrscheinlich wegen der gefährlichen Bakterien usw.

Wegen des schönen Wetters laufe ich zum Convention Center sechs Blocks weiter. Ich ergattere noch einen Kaffee und lese und schreibe Emails via complimentary WLAN access. Mittagessen gibt’s keins, also kaufe ich mir überteuerte Sandwiches, statt 10 Meter weiter den zu spät entdecken Vietnamesischen Imbiss zu nutzen. Auch schieße ich ein paar weitere Fotos und Quick-Blogge.

Der Workshop ist interessant und zeigt neue Wege auf. Mehr Fotos und Blog-Einträge. In der Pause gibt’s nichts zu essen, nur Kaffee. Nach dem Workshop gibt’s die groß angekündigte „Welcome Reception“ in der Ausstellungshalle, die sich eher als schlechter Witz darstellt: in Mikro-Brötchen kann man sich Kasslerscheiben schneiden lassen. Super Sache, ich verzichte und latsche zurück ins Hotel, um in den Casual Mode zu wechseln.

Da das Wetter heute gut und es noch nicht zu spät ist, laufe ich los zum Pike Street Market, in dem gerade alle Geschäfte schließen, und schieße weitere Fotos von denen ich wahrscheinlich die meisten wegen Unterbelichtung vernichten kann. Ich gehe um die Ecke des Hotels („one block away“) essen, die Cola schmeckt irgendwie nach Chlor. Auf Nachspeise und Cocktail verzichte ich aufgrund des einsetzenden Jet Lags: mein Körper lässt mich wissen, er denkt, es wäre fünf Uhr morgens.

Die Klimaanlage heizt umweltrettend, der Kaffeekocher blubbert, noch schnell diesen Tagebucheintrag schreiben, dann die Tagesplanung für morgen anfertigen, danach in die Heia und möglichst lange nicht einschlafen.

Während ich mit Kopfhörer am Schreibtisch vor dem Rechner sitze fällt mir das Geblinke vor meinem Fenster auf. Als ich genauer hinsehe stelle ich fest, dass es wohl gerade einen Verkehrsunfall gegeben hat. Drei Wagen stehen verquer auf der Kreuzung, davon einer vorne zusammengefaltet. Ein Polizeiwagen kommt gerade dazu und sichert. Kurz darauf kommt auch ein Krankenwagen, dann noch einer. Eine Person aus dem offensichtlich-aufgefahren-Auto wird liegend fixiert abtransportiert (AUTSCH). Da kommt auch ein blinkender Abschleppwagen, der den Schrott von der Kreuzung räumt. Die Scherben werden weggekehrt, die ausgetretenen Flüssigkeiten scheinen nicht beachtenswert. Ein zweiter, blinkender Abschleppwagen trifft hektisch ein, kommt aber zu spät: business opportunity missed. Ist wie Fernsehen, nur ohne Werbung.

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