Berkeley, 31.10.2007

Die Berichterstattung vom gestrigen Erdbeben im örtlichen Käseblatt in der umfassend informierenden lokalen Tagespresse ist überwältigend: Das Beben hat Leute, die dachten, es wäre das Ende, erschreckt. Das ist ja erschreckend! Ansonsten ist eine Studie über Aufzucht und Hege Erziehen von Kindern durch gleichgeschlechtliche Ehepartner Hauptthema.

(Die Bilder des heutigen Tages sind hier online.)

Im links unten auf der Titelseite befindlichen Kästchen „Nation/Welt“ (sic!) kann man dann lesen, was den Rest der Welt außerhalb der Bay Area bewegt: Ein Sänger ist gestorben, die NASA will wieder zum Mond. Nach angestrengtem Suchen kann man in der ganzen Zeitung tatsächlich einen Artikel über den Irak-Krieg finden, und einen über Franzosen im Tschad. Menschenskinners, jetzt bin ich gut informiert.

Am gestrigen Tage wollte ich die Uhrzeit im Radio erfahren. Das ist mir nicht gelungen, denn alle Programme strotzen von Werbung und Musikgedudel, aber Nachrichten habe ich keine entdecken können. Die Programme im Fernsehen sind genauso: Talkshows, Werbung, Serien, Werbung, Talkshows, Werbung, Werbung. Sonst nix. Von wegen Informationszeitalter, daß ich nicht lache! Totale Desinformation! Ich lese den Tagesspiegel im Web, damit ich überhaupt etwas von außerhalb des selbsterrichteten Ghettos genannt Amerika (aka God’s own Nation) mitbekomme.

Heute stehen zwei „Außenbesuche“ auf dem Programm: University of California Berkeley und Google.

Die Fahrt nach Berkeley ist am Anfang und am Ende anstrengend. Auf den „Schleichwegen“ meiner vorberechneten Route zur Vermeidung der Staus auf der I101 geht es überhaupt nicht voran. Stop-Kreuzungen, Rote Ampeln, Gegenverkehr beim Abbiegen, Krankenwagen der die Grünphase blockiert, Feuerwehr, die die Grünphase blockiert, irre Fußgänger die in Meuten Abbiegungen blockieren.

Einmal auf den Freeways geht es gut bis Berkeley. Für die letzten zweihundert Meter brauche ich nochmal eine halbe Stunde. Erst ist das Parkhaus auf der anderen Seite der Straße, so daß ich Umwege fahren muß, es zu erreichen. Dann erstmal einen Parkplatz finden. Dann werde ich darauf aufmerksam gemacht, daß dort wo ich einen Platz fand nur mit Erlaubnis geparkt werden darf (40$ Ticket erspart). Also wieder rein ins Auto, die Einfahrt in das Untergeschoß nicht gefunden: man muß das Parkhaus wieder verlassen um fünf Meter weiter wieder hineinzufahren und nach unten zu kommen. Dann will der Automat einen fünf Dollar Schein, ich habe nur einen Zehner. Also Leute belatschen, die können nicht wechseln. Der Busfahrer auch nicht. Der Copyshop um die Ecke schon. Zurück zum Automaten, zurück zum Auto.

Dann zum Zielgebäude gerannt, Fahrstuhl gesucht, Knopf gedrückt. Fahrstuhl kommt nicht. Knopf nochmal doller und öfter gedrückt. Fahrstuhl kommt nicht. Treppe genommen, ein Stockwerk höher ist die schon wieder zu Ende. Bei der Suche nach einem anderen Treppenhaus sehe ich, daß der Fahrstuhl wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Im richtigen Stockwerk angekommen stelle ich fest, daß die Raumnummer offensichtlich falsch ist. Endlich treffe ich meinen Gesprächspartner…

Nach interessantem Austausch, auch mit Kollegen, auch beim Lunch, in sehr schönen, alten Hallen streife ich noch kurz durch die Bibliothek und mache ein paar Fotos. Der Lesesaal hier ist deutlich mehr ein Schlafsaal, das Schnarchen hört man sogar auf der Empore. Auf diesem Campus fahren vier Buslinien!

Ich haste zurück zum Auto und fahre den Weg im wesentlichen zurück und weiter zum Google Headquarter, das dehnt sich ganz schön aus. Ich bin pünktlich beim Termin und warte fünfzehn Minuten. Mein Gesprächspartner ist offensichtlich übermüdet und gähnt die ganze Zeit vor sich hin, Füße auf dem Tisch, trotzdem sind es aufschlußreiche 45 Minuten.

Ich fahre zurück zum Hotel und mache dies und das und jenes und esse noch zwei von den leckeren complimentary cookies.

Dann düse ich zum Abendessen mit meinem Gastgeber, finde die Zielstraße auch sehr zügig. Vor Ort kurve ich zehn Minuten herum, um die richtige Hausnummer des Restaurants zu finden, die gibt es aber nicht. Eine Dame im Vorgarten erläutert mir, daß dies die „N California Avenue“ ist, das gesuchte Restaurant sich aber in der „California Avenue“ befindet. Mit ihren Ortsangaben finde ich den Zielort mit dreißzig Minuten Verspätung. Soviel zum Informationszeitalter.

Das Essen ist lecker, zum zweiten Mal heute und damit während meines gesamten Besuchs im Land der begrenzten Unmöglichkeiten ist Gemüse im Essen. Die Gespräche sind nett.

Ich habe alle meine ausgedruckten Karten und Wegbeschreibungen im Restaurant liegen lassen, weiß nach der verkorksten Herfahrt sowieso nicht wo ich bin und verkurve mich auf der Rückfahrt leicht. Mittlerweile kenne ich die Gegend aber ein wenig, erkenne Straßennamen wieder und navigiere dann doch sicher zum Hotel zurück.

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